Mit „Tag am Brühl“ stellt das Weimarer Label Polynom seine inzwischen dritte Platte vor und hat mit ihr, so scheint es, seinen eigenen Sound vollends gefunden, ohne sich selbst dabei untreu geworden zu sein, oder die heimischen Gefilde zu verlassen, wie schon der Titel es verrät. „Am Brühl“ ist eine Straße, oder besser eine Gasse, oder noch besser eine ganzes Gelände, das sich am Rande der Weimarer Innenstadt finden lässt und, gelegen direkt an der Ilm, einen ganz eigenen Charme zwischen Hinterhofromantik, besetztem Haus, Strandfeeling und Tonstudio im Zoneflachbau besitzt. Genau an diesem Brühl verlagert sich also die Polynom oo3, und das kann man hören. Der namensgebende Track hält sich entschieden minimal, wie es typisch für das Hause Polynom und im besonderen für den Sound von Daniel Schwarz ist. Mit Sounds aus dem Fieldrecording, wahrscheinlich am Brühl gemacht, macht es jedoch eine Stimmungswelt auf, die einen sofort in ihren Bann zieht und die auch von dem Schmerz zu erzählen weiß, den sorgenfreies Kindergeschrei im Ohr jedes der Kindheit Entwachsenem auszulösen vermag. Streckenweise entgleitet dem Track jedoch ob seines Minimalismus die Energie, so dass er wohl eher auf Afterhours und Openairs als in Clubs seinen Platz in den DJ-Sets finden wird. Ganz anders klingt da allerdings die B-Seite. Deer, der ebenfalls aus Weimar stammt, und dem das Brühl und seine eigentümliche Romantik nicht unbekannt sein dürfte, liefert mit seinem „Nacht am Brühl Remix“ eine tanzbare Version des Originals, der dessen Emotionalität und Tiefe herausarbeitet und der Platte damit eine ganz eigene Note gibt, ohne den Bezug zum Original zu verlieren. Was beiden Versionen gleichsam eigen ist, ist der Spannungsaufbau, der sich von gängigen Dancefloorkrachern abhebt, in dem sie den vor allem emotionalen Höhepunkt ganz ans Ende setzen. Dadurch wird in beiden Fällen eine ganz eigene Geschichte von Sehnsucht, Sich-Selbst-verlieren und -wiederfinden und von dem Weltschmerz erzählt, den man grade in einer Kleinstadt wie Weimar doch allzudeutlich fühlen und hören kann, wenn man es denn möchte.
Mit „Momentaufnahme“ beweist Daniel Schwarz schließlich, dass er auch tanzbar kann und liefert einen Deephousetrack, dessen Groove unweigerlich in die Beine geht. Eine rollende Bassline, eine gepfefferte Clap und die (und das ist zur Gänze positiv gemeint) unvermeidliche offene HiHat einer KORG-Drummachine, zwei Major7-Akkorde, und schon steht das Gerüst, dass aber immer wieder aufbricht, und typisch für Daniel, in den Brakes eine Weite an Klang vorstellt, die der zurückkehrende Beat gleichsam aufzunehmen wie einzuschrenken weiß und daran erinnert, dass es sich ja um House und nicht um Freejazz handelt. Damit rundet „Momentaufnahme“ die EP ab und macht sie für mich zur bis jetzt besten Polynom-Scheibe. Herausstechend ist auch wieder das aufwendige Artwork, dessen Luftigkeit zwischen schwarz-weißem Himmel und rauer Industrie-Ästhetik der Stimmungswelt des Sounds stilvoll Rechnung trägt. Mit dem Rätsel allerdings, wie man den Verschlussaufkleber zu öffnen hat, ist man zum zweiten Mal in Folge allein gelassen und ich habe im Eifer der Vorfreude das Plattencover schon wieder zerissen.
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